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Das Brennen der Dämmerung

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Leseprobe



[...]
Wie lange er marschiert war, vermochte Miranel nicht zu sagen. Den Weg hatte er vergessen. Und jetzt stand er hier, vor diesem Tor, dessen Gegenwart er gefürchtet, dessen Dasein er verdrängt hatte. Vor allem jenem, was hinter dieser Pforte lag.
Mit Gitterstäben war ebendiese versperrt, sodass ungebetene Gäste nicht hineindringen konnten. Aber er war kein ungebetener Gast. Jenseits dieses Tores und dieser Mauer ruhte seine Familie. Flüchtig sah er in alle Richtungen, konnte keine Menschenseele entdecken, setzte zu einem Sprung an und hielt inne. »Was tue ich hier?«, flüsterte er in die Nacht hinein und lehnte sich gegen die Wand, spürte kaum, wie die Kälte und Nässe durch seine Kleidung drang und ihn zittern ließen. Eine streunende Katze auf der gegenüberliegenden Straßenseite stoppte in ihrer Erkundung, sah ihn mit funkelnden Augen an, um dann schreiend davonzulaufen. Ohne sein Zutun bewegten sich seine Beine ebenfalls in die Richtung, in die das Tier verschwunden war. Nach wenigen Schritten rief er sich zur Besinnung. »Es ist deine Chance, alter Junge. Vielleicht die Einzige, jemals etwas zu ändern.« Ohne weitere Gegenargumente aus seinem Inneren aufkommen zu lassen, überwand er geräuschlos die Sandsteinbegrenzung mit einem Sprung.
Desorientiert blickte er sich um. Bäume und Gestrüpp, Ranken und umgestürzte Hölzer. Dazwischen, verborgen unter dem eisigen Mantel des Winters, zerbrochene Erinnerungen, schräg stehende Totenmale und gefallene Grabsteine. Er schloss die Augen und sog den Atem der Nacht in sich. Allein das Knirschen des Schnees unter seinen Füßen durchbrach die Stille, als er sich in Bewegung setzte. Wie ein Traumwandler, nur ohne dessen Zuversicht, schlich Miranel über den Gottesacker. Waren Jahre, Jahrzehnte vergangen, seit er das letzte Mal hier gewesen war? Anno dazumal war dieser Ort nicht so verwildert. Vielmehr hatte er an einen gepflegten Park erinnert. Miranel schritt in Gedanken zurück, konnte sich aber nicht erinnern, wann es gewesen war. Ein schmerzhaftes Ziehen breitete sich in seiner Brust aus und ließ ihn keuchen. Wie hatte er seine Familie vergessen können? Ebenso war die Erinnerung an jene Stelle verblasst, an der seine Liebsten ruhten.
Wahllos bog er an einer stämmigen Eiche nach links ab.
»Was machst du an diesem Ort?« – »Verschwinde!« – »Wir wollen dich nicht hier haben«, säuselten kaum vernehmbare Stimmen.
Ein seichter Wind erhob sich und fuhr unter seinen Mantel. »Re-det, soviel ihr wollt. Ihr könnt mich nicht erschrecken.«
Er stolperte und fand Halt an einem Ast. Lautes Gelächter drang aus dem Unterholz. Miranel blieb stehen und lehnte seinen Kopf an den gescheckten Stamm einer Birke. »Was wollt ihr von mir?«, flüsterte er in die Nacht hinein. »Warum darf ich diesen Ort nicht betreten?«
»Du bist ein Wesen der Schatten«, erklangen die zarten Stimmen.
»Und aus diesem Grund darf ich meine Familie nicht suchen? Soll das euer einziges Argument sein? Weil ich nicht zu euch gehöre? Wie könnt ihr euch erdreisten, mir so etwas zu sagen?« Wütend schlug er mit der Faust gegen die Rinde.
»Du hast hier nichts verloren. Lass den Toten ihren Frieden.«
»Ich will niemanden stören. Ich möchte doch nur meine Familie finden.«
»Sie wollen nichts mehr von dir wissen«, behauptete der Wind.
»Das glaube ich nicht!« Miranel hob den Kopf und löste sich von dem Baum. Erhobenen Hauptes setzte er seinen Weg fort.
»Bleib stehen.« – »Nicht weiter.« – »Verschwinde von diesem heiligen Ort.«
Er ignorierte die Stimmen. Konzentriert lief er weiter, immer weiter über das Gelände des Eliasfriedhofes. Es waren Gestalten von Engeln und Kindern, die aus ihrem langen Schlaf erwachten und ihn mit Blicken folgten. Ein entsetzlich knarrendes Geräusch entstand, als sich die Sandsteinfiguren zu bewegen begannen.
»Du bist hier falsch.«
Miranel blieb erschrocken stehen. Sein Herz hämmerte gegen das Brustbein, während er nach dem Sprecher lauschte.
»Schau nach vorn. Niemals zurück.«
Er folgte der Richtung, aus der die Worte zu kommen schienen, und entdeckte eine Gestalt. Auf einem Sockel, über eine Urne gelehnt, erwachte eine der Figuren zu neuem Leben.
»Wer bist du?« Mit zu einem Spalt verengten Lidern betrachtete er argwöhnisch den Gottesboten.
»Was sind schon Namen? Der Name ist etwas, das uns zur Geburt geschenkt wird. Aber bezeichnet der Name auch das, was wir sind?«
»Sprich nicht in Rätseln, Engel. Ich möchte dich bei deinem Namen nennen. Und nicht bei dem, was du bist.«
»Wenn es für dich so bedeutend ist … man nennt mich Aquariel.« Der Cherub deutete eine Verbeugung an. »Und du musst Miranel sein.«
[...]



[...]
Die Müdigkeit war wie weggeblasen, als Franziska das Tor durchschritt. Sie schlängelte sich durch das Unterholz und erreichte, nach Atem ringend, das Grab, das der Engel bewachte.
Bewegungslos thronte er auf seinem Sockel, schien nicht mehr als eine leblose Figur zu sein. Wären da nicht seine Augen gewesen, die jedem ihrer Schritte folgten.
»Aquariel?«, flüsterte sie.
»Du bist wieder da. Ich nehme an, nicht ohne Grund?«
»Hast du schon einmal etwas von der unterirdischen Stadt ge-hört?«
Das Gesicht des Engels wurde weich, lebendig. Blau strahlten seine Augen durch die Dunkelheit. »Das habe ich doch, ich rate dir, dich von ihr fernzuhalten. Es wäre nicht gut, wenn du sie betrittst.«
»Lass das meine Sorge sein.« Mit der rechten Hand zerbrach sie den dürren und niedrig hängenden Zweig einer Birke. »Sag mir nur, wie ich dahin komme.«
»Das kann ich nicht.«
»Doch, du kannst!«
»Franziska, höre mir zu: Diese Welt existiert im Verborgenen. So soll es auch bleiben. Nicht einmal die Schattenwesen trauen sich dorthin.«
»Ich muss da hinab! Ich muss das Buch Henoch finden!«, erwiderte sie trotzig. »Es ist vielleicht meine einzige Chance, Maik zu rächen und herauszufinden, was hier überhaupt vor sich geht.«
Der Engel trat von seinem Sockel herab. Sein fahles, aus Sandstein gemeißeltes Gesicht, wurde weiß wie der umherliegende Schnee. Er faltete die Hände zu einem Gebet. »Das Buch Henoch liegt nicht ohne Grund dort unten; in tiefer Dunkelheit, wohin sich kein Mensch traut. Es ist das wahre Buch Henoch. Nicht eines dieser zahlreichen Kopien.«
»Und genau deshalb muss ich es finden!«
Einer seiner steinernen Flügel legte sich um ihren Körper. Er war nicht kalt, wie sie vermutet hatte, sondern von einer Wärme erfüllt, die ihr Innerstes zu erreichen schien.
»Ich kann dich da unten nicht beschützen. Niemand kann das. Dort bist du auf dich allein gestellt.«
Franziska senkte den Kopf. »Ich weis. Nach allem, was ich bisher gehört habe … Bitte, Aquariel, nenne mir den Zugang. Oder es wird noch mehr Zeit vergehen, bis ich ihn von allein gefunden habe. Wer weis, wie viele Menschen dann noch sterben müssen.«
»Ich habe dir schon einmal gesagt, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gib. Erinnerst du dich?«
»Das tue ich.« Sie befreite sich aus der Umarmung. »Bitte sage mir, wie ich dahin gelange. Und wenn du mir den Zugang nicht nennst, so werde ich ihn ohne deine Hilfe finden. Ich muss diesen Blutsauger erwischen. Koste es, was es wolle. Und sollte es meine Seele sein, so bin ich auch zu diesem Tausch bereit.«
»Sag so etwas nicht. Du bist ihm so nahe. Doch dein Bewusstsein ist weiterhin verschlossen. Ich kann dir nur Kraft und Licht wün-schen. Das Licht, um alle Unklarheiten aufzudecken und die Kraft, deine Reise in der unteren Welt zu überstehen.«
»Dann verrätst du mir, wie ich dahin gelange?« Ihr Herz setzte zu einem Freudensprung an, doch Franziska pfiff es zurück. Noch hatte er es ihr nicht gesagt, noch lauerte die Enttäuschung.
Minutenlang schwieg der Engel. Franziska glaubte bereits, dass er sich zurück in eine leblose Steinfigur verwandelt hatte, als er schlagartig das Schweigen brach.
Seine Stimme war leise und klang derb wie Sandpapier. »Das tue ich. Aber bewahre dieses Geheimnis gut. In Nedserd wartet der Tod.«
[...]